Berufsbildung 4.0: Round-Table fordert "systemischen Ansatz"

BIBB

Expertengespräch im Rahmen des Digital Gipfels 2017: Round-Table "Qualifizierung First - Wie Berufsschulen den digitalen Wandel gestalten" betont zentralen Stellenwert von Medienkompetenz der Lehrkräfte an Berufsschulen.

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Wo sie ihren vollen Nutzen noch nicht entfalten kann, müssen Hindernisse identifiziert und abgebaut werden. Vor dieser Aufgabe steht insbesondere die duale Berufsausbildung in Deutschland. Sie ist Teil eines Prozesses, der den Einsatz digitaler Technologien im Lehr- bzw. Lernkontext vorantreibt. Wie dieser Wandel erfolgreich gestaltet werden kann und welche Herausforderungen auf dem Weg zu einer "Berufsbildung 4.0" noch gemeistert werden müssen, waren zwei zentrale Fragen, denen sich eine neunköpfige Gesprächsrunde – bestehend aus Vertretern von Berufsschulen, Politik und Wissenschaft – am 12. Juni in Ludwigshafen stellte. Im Pressezentrum des Rheinpfalz-Verlages richtete dieser "Round-Table" (ein Programmpunkt des diesjährigen Digital Gipfels der Bundesregierung) u.a. den Wunsch nach einem "systemischen Ansatz" an die Bundespolitik und forderte, dass Lehrkräfte hinsichtlich ihrer Medienkompetenz besser geschult werden. Im Fokus der Diskussion rund um den digitalen Wandel der Berufs- und Arbeitswelt standen Berufsschulen und deren Rolle im dualen Berufsbildungssystem.

Experten aus Bildung, Politik und Wissenschaft diskutierten in Ludwigshafen über die Berufsschule von morgen.
Experten aus Bildung, Politik und Wissenschaft diskutierten in Ludwigshafen über die Berufsschule von morgen. Der Round-Table war ein Programmpunkt des diesjährigen Digital Gipfels der Bundesregierung. Foto: BIBB

Round-Table-Teilnehmer und Veranstalter (v.li.): Martin Gehlert (Werner-Heisenberg-Schule Rüsselsheim), Bernd Strahler (Handelslehranstalt Hameln), Prof. Dr. Michael Heister (Bundesinstitut für Berufsbildung), Matthias Graf von Kielmannsegg (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Martin Zimnol (Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz), Angelika Riedel (Berufskolleg an der Lindenstraße), Dr. Henning Klaffke (Institut für Technische Bildung und Hochschuldidaktik), Matthias Köpfer (Amt für Schulen, Kultur und Sport des Landratsamtes Rhein-Neckar), Ralf Halfbrodt (Westermann-Gruppe) und Thorsten Lotz (Radko-Stöckl-Schule Melsungen) - nicht im Bild: Petra Jendrich (Kultusministerkonferenz)

"Geben sie der Politik noch einmal eine Chance"

Wie in der von Prof. Dr. Michael Heister, Abteilungsleiter im Bundesinstitut für Berufsbildung, moderierten Runde aufgezeigt wurde, gibt es bei der Digitalisierung von Berufsschulen zwar bereits erfolgreiche "Insellösungen", doch fehle es insgesamt noch an einer bundesweiten Strategie bzw. "Roadmap". Angelika Riedel, Leiterin des Kölner Berufskollegs an der Lindenstraße, sagte: "Es muss eine systemische Lösung her, aber es gibt weder auf Bundes- noch auf Landesebene die notwendigen Ressourcen."

Ohne einen Nachholbedarf auf Bund-Länder-Ebene zu leugnen, setzte der Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Matthias Graf von Kielmannsegg, derlei Kritik entgegen, dass sich auf politischer Ebene "einiges" getan habe. Es seien mittlerweile "Dinge in Bewegung gekommen", versicherte der Leiter der Abteilung "Strategien und Grundsatzfragen". Seine Bitte an den Round-Table und rund 70 Zuhörer: "Geben sie der Politik noch einmal eine Chance."

Im Pressezentrum des Rheinpfalz-Verlages stieß der Round-Table auf großes Zuschauerinteresse.
Im Pressezentrum des Rheinpfalz-Verlages stieß der Round-Table auf großes Interesse. Rund 70 Zuhörer besuchten die Veranstaltung. Viele nutzten die Gelegenheit, sich in die Diskussion einzubringen. Foto: BIBB

Konkret trägt diese Chance den Namen "DigitalPakt" und bezeichnet geplante Milliardeninvestitionen des Bundes in den Ausbau der IT-Infrastruktur in allgemeinbildenden Schulen, beruflichen Schulen und sonderpädagogischen Bildungseinrichtungen (im Zeitraum von 2018 bis 2022). Im Vordergrund, so die einhellige Meinung des Round-Tables, sollte dabei jedoch nicht die Anschaffung von Hardware stehen, sondern die Personalqualifizierung.

"Es wird nicht gehen ohne ein gutes Fortbildungskonzept für Berufsschullehrer. Viele sind zwar keine digitalen Analphabeten, aber auch keine Digital Natives", teilte Petra Jendrich, Leiterin des Unterausschusses Berufliche Bildung der Kultusministerkonferenz, ihre Beobachtungen mit. Riedel forderte in diesem Zusammenhang, Mediendidaktik stärker in der Lehrerausbildung zu verankern. Gelegentliche Fortbildungen auf diesem Gebiet brächten nichts. "Dafür ist der Arbeitsalltag der Lehrer viel zu fordernd", ist sich die Schulleiterin sicher. Ihr schwebt zudem ein Coaching-System vor, das die Lehrkräfte kontinuierlich für den Umgang mit digitalen Medien fit macht und fit hält.

Teilnehmer des Round-Tables (v.li.): Matthias Graf von Kielmannsegg (BMBF), Angelika Riedel (Berufskolleg an der Lindenstraße) und Martin Zimnol (Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz).
Gaben Impulse für einen Transformationsprozess (v.li.): Matthias Graf von Kielmannsegg (BMBF), Angelika Riedel (Berufskolleg an der Lindenstraße) und Martin Zimnol (Pädagogisches Landesinstitut Rheinland-Pfalz). Foto: BIBB

"Didaktische Konzepte das Wichtigste"

Dem Publikum bot der etwa zweistündige Round-Table die Gelegenheit, Fragen und Erfahrungsberichte in die Diskussion einzubringen. In Anwesenheit des Geschäftsführers der Dienstleistungsgesellschaft für Informatik (DLGI), Thomas Michel, ging man beispielsweise auf den "Computerführerschein" ECDL ein, dessen Module berufsrelevantes Computerwissen vermitteln. Seine Einführung in Schulen zu erleichtern, könne ein wichtiger Beitrag zum Gelingen des digitalen Wandels sein, so die Auffassung des Round-Tables. Er würde das Definieren didaktischer Mindeststandards sowie die Vernetzung zertifizierter Lehrkräfte ermöglichen.

In Rheinland-Pfalz habe man mit ECDL bereits gute Erfahrungen gemacht, berichtete Martin Zimnol vom Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz. Bis Ende 2014 habe man dort 126 Prüfungszentren an Schulen eingerichtet. Überhaupt sei das Bundesland seit dem Start der Kampagne "Medienkompetenz macht Schule" in 2007 auf einem guten Weg. Eine Entwicklung, die nicht ausschließlich durch Investitionen in Hardware einzuleiten sei. "Didaktische Konzepte sind das Wichtigste", rannte Zimnol bei seinen Mitdiskutanten offene Türen ein.

"Brauchen mehr Profis an den Schulen"

Aus dem Berufsschulalltag warf Martin Gehlert, Diplom-Handelslehrer an der Werner-Heisenberg-Schule Rüsselsheim, ein, dass die Betreuung digitaler Technologien oftmals noch eine Baustelle sei. "Wir brauchen mehr Profis an den Schulen. Dienstleister, die die Schulen entlasten", so Gehlert. Schließlich koste jede Arbeit an einem nicht funktionierenden System Zeit und Geld. Riedel konnte diesbezüglich auf ein positives Beispiel aus ihrem Berufskolleg verweisen. "Wir haben in Köln durch den Anbieter Netcologne alles zentralisiert. Alle Schulen haben wöchentlich den Systemadministrator im Haus", so die Schulleiterin. Seitdem seien technische Probleme selten - was Riedel schon aus folgendem Grund freut: "Nicht funktionierende Hardware ist für manche Lehrer ein Rechtfertigungsgrund, keinen digitalen Unterricht zu machen."

Ehrung für die Gewinner des Gipfel-Spiels
BMBF-Abteilungsleiter Matthias Graf von Kielmannsegg (li.) und DLGI-GeschäftsführerThomas Michel (re.) überreichten Schülern und Vertretern der Kaufmännischen Schule Heidenheim den ersten Preis im Gipfel-Spiel "Keep IT safe". Foto: BIBB

Nach Abschluss der Round-Table-Diskussion wurden Schüler der Kaufmännischen Schule Heidenheim mit dem ersten Preis im Wettbewerb „Keep IT safe! Datenschutz und Datensicherheit in Gesundheitsberufen“ ausgezeichnet. Das Gipfelspiel, organisiert als Online-Wettbewerb im Vorfeld des Digital Gipfels, war eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Initiative der DLGI.

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