"Der vielleicht wichtigste Aspekt zur Qualität von OER ist die Zusammenarbeit an Materialien."

Dr. Sabine Preusse

Mit dem Ziel, Expertise zu freien Lehr- und Lernmaterialien aufzubauen, wurde im Projekt OER-MuMiW eine mehrstufige Präsenz- und Online-Fortbildung entwickelt. Das Blended-Leraning-Angebot trägt der zunehmenden Bedeutung von OER in Zeiten der Digitalisierung Rechnung und wirkt als Treiber für neue Bildungspraktiken.

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung startete OER-MuMiW im November 2016. Auch nach dem Ende des Förderzeitraums im April 2018 treibt die im Rahmen des Vorhabens entwickelte Fortbildung zur OER-Fachexpertin bzw. zum OER-Fachexperten die Nutzung und Entwicklung von freien Lehr- und Lernmaterialien voran. Am Projekt  beteiligt war Dr. Sabine Preusse. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de zeigt die selbständige Trainerin, Coach und Beraterin auf, welche Mehrwerte OER bieten, wie sich ihre Bedeutung für den Bildungsbereich entwickeln kann und was beim Umgang mit ihnen zu beachten ist.

Logo des BMBF-geförderten Projekts OER-MuMiW
Grafik: OER-MuMiW (CC BY 4.0)

qualifizierungdigital.de: Frau Dr. Preusse, wie würden Sie einem Laien erklären, was sich hinter dem Kürzel OER verbirgt?

Preusse: Urheberrechtlich geschützte Werke darf man nur verwahren, verwenden, verändern, vermischen und verbreiten, wenn einem der Urheber oder die Urheberin die entsprechenden Nutzungsrechte einräumen. Bei freien Bildungsmaterialien - oder auch Open Educational Resources - lizenzieren Urheberinnen und Urheber ihre Lehr- und Lernmaterialien so, dass jeder Nutzende diese Rechte kostenfrei auch im kommerziellen Kontext erhält.

Wie wurde Ihr Interesse an diesem Thema geweckt?

Die Trainerin und Learning-Designerin Hedwig Seipel hat mich 2014, nach meiner Wahl als Vizepräsidentin des BDVT, dem Berufsverband für Training, Beratung und Coaching, auf dieses Thema angesprochen. Wir haben dann gemeinsam das OER-Camp im September 2014 in Berlin besucht und 2016 den Projektantrag für OER-MuMiW beim Bundesministerium für Bildung und Forschung - für den BDVT, in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Lübeck - eingereicht.  

 

"Die eigentliche Hürde liegt in der Vertrauenswürdigkeit von Quellen und deren Qualität im Umgang mit Urheber- und Persönlichkeitsrechten sowie in Bezug zu Quellen- und Lizenzangaben."

 

Täuscht der Eindruck, dass insbesondere rechtliche Bedenken eine Hürde beim Einsatz freier Bildungsmaterialien darstellen?

Die eigentliche Hürde liegt in der Vertrauenswürdigkeit von Quellen und deren Qualität im Umgang mit Urheber- und Persönlichkeitsrechten sowie in Bezug zu Quellen- und Lizenzangaben. Diese Hürde gibt es allerdings auch ohne freie Bildungsmaterialien. Sie entsteht generell durch den Umgang mit urheberrechtlich geschützten Materialien.

Die OER-spezifischen Hürden sind dann eher die Auffindbarkeit geeigneter und vertrauenswürdiger Materialien, sowie die technischen Kompetenzen, die ich benötige, wenn ich Materialien miteinander vermischen und das Ergebnis danach wieder verbreiten möchte.

Welche Vorteile bieten OER im Vergleich zu "herkömmlichen" Bildungsmaterialien?

Ich kann sie in dem Augenblick nutzen, in dem ich sie gefunden habe, ohne vorher Nutzungsrechte zu klären. Wenn sie mir gefallen, dann kann ich sie ganz oder in großen Teilen verwenden, ohne mich um die genauen Spielregeln des Zitatrechts zu kümmern. Mir fällt es zudem leichter, ein bestehendes Material zu verbessern, als es selbst ganz neu zu entwerfen. Mit Zugriff auf genügend Materialien, spart mir das dann auch wieder Zeit.

 

"Meine eigenen als OER erstellten Materialien haben tatsächlich eine viel größere Qualität als Materialien, die ich nicht als OER veröffentliche."

 

Wie ist es um die Qualitätssicherung bei freien Bildungsmaterialien bestellt?

Bevor wir über Qualitätssicherung diskutieren, müssen wir klären, was genau wir unter Qualität eines OER verstehen, denn es gibt hier verschiedene Aspekte wie etwa Inhalt, Didaktik, rechtliche Aspekte und die technische Umsetzung. So kann beispielsweise ein Foto eine schlechte technische Qualität haben, aber genau diese Eigenschaft macht es zu einem ausgezeichneten Lehrmaterial - weil man daran Belichtung, Ausleuchtung und vieles mehr erläutern kann.

Meine eigenen als OER erstellten Materialien haben tatsächlich eine viel größere Qualität als Materialien, die ich nicht als OER veröffentliche. Ich nehme mir mehr Zeit, um rechtlich sauber zu arbeiten und grenze meine Gedanken klarer von denen ab, die aus anderen Quellen dazukommen. Zudem denke ich intensiv darüber nach, wer die möglichen Nutzerinnen und Nutzer meiner Materialien sind und was sie wohl damit machen wollen. Auch dies beeinflusst die inhaltliche Qualität.

Welcher Faktor spielt bei der Qualitätssicherung noch eine Rolle?

Der vielleicht wichtigste Aspekt zur Qualität von OER ist die Zusammenarbeit an Materialien und das Zurückspielen von Verbesserungsvorschlägen. Das setzt aber voraus, dass ich selbst daran interessiert bin und keine Angst davor habe, dass mich jemand auf Fehler oder Schwächen im Lehr- und Lernmaterial hinweist. Es setzt auch voraus, dass ich hierfür ein aktives Netzwerk habe.

Workshop-Situation in Schulungsraum
Dr. Sabine Preusse ist selbst OER-Fachexpertin und unterstüzt andere beim Umgang mit freien Lehr- und Lernmaterialien - u.a. im Rahmen der bundesweiten BMBF-Roadshow "Digitale Medien im Ausbildungsalltag" . Foto: Andreas Hultsch © BIBB

Wo können Lehrkräfte freie Bildungsmaterialien finden?

Es gibt viele verschiedene Stellen im Internet, an denen Lehrkräfte freie Bildungsmaterialien finden können. Einen guten Startpunkt bildet die Linkliste von OERinfo. Hier werden auch verschiedene Portale vorgestellt und erklärt, wie man in Suchmaschinen gezielt nach freien Lizenzen filtern kann.

 

"Ich denke, dass OER in Zukunft wichtiger werden, als sie es heute sind - vor allem, wenn es immer mehr Materialien gibt, die unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt werden."

 

Welche Rolle werden OER Ihrer Meinung nach in Zukunft spielen?

Ich denke, dass OER in Zukunft wichtiger werden, als sie es heute sind - vor allem, wenn es immer mehr Materialien gibt, die unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt werden. Dies setzt zum einen voraus, dass wir Finanzierungsmöglichkeiten oder Freiwillige finden, die diese Materialien in hoher Qualität erstellen. Zum anderen werden Nutzerinnen und Nutzer ihre Kompetenzen hinsichtlich des Suchens und Findens, der Quellenansprache, der Nutzung, der technischen Verarbeitung und Verbreitung weiterentwickeln.

Im Projekt OER-MuMiW ist eine Fortbildung zum OER-Fachexperten entwickelt worden. Wie ist dieses Angebot aufgebaut?

Die Fachfortbildung besteht aus fünf Stufen: einem kostenfreien Kick-Off Webinar mit dem Titel "Materialien aus dem Internet richtig nutzen" und einer ebenfalls kostenfreien ersten Online-Phase, in der man sich intensiv mit dem Umgang mit Lizenzen, dem Suchen und Finden von OER, Geschäftsmodellen mit OER, Finanzierungsmöglichkeiten von OER und einem Ausblick in die aktuellen Entwicklungen auseinandersetzt.

Daran schließt ein Praxisworkshop für Macherinnen und Macher an, in dem ein eigenes OER-Projekt geplant wird - vor allem im Hinblick auf die technische Umsetzung. Hier werden Fragen gestellt, Antworten gesucht, Erfahrungen ausgetauscht und Netzwerke geknüpft. In der zweiten Online-Phase steht die Umsetzung und die Beantwortung von Praxisfragen im Vordergrund sowie die Erstellung der Prüfungsunterlagen, wenn man zum Abschluss noch eine Prüfung ablegen möchte.

Teaserbild: Dean Vrakela (Polaris Media GmbH)

Grafik: OER-MuMiW (CC BY 4.0)