"Die Genesungsbegleitung ist aus dem sozialpsychiatrischen Hilfesystem nicht mehr wegzudenken"

Dr. Christel Baatz-Kolbe

Im Projekt TriN ("Trialog im Netz") ist ein webbasiertes Informations- und Unterstützungsangebot entstanden, das die wichtigsten Fragen zum Thema Genesungsbegleitung beantwortet und ein interaktives Beratungsangebot bietet.

Menschen, die psychische Krisen durchlebt haben, können diese Erfahrungen nutzen, um andere Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen. Mit dieser Überzeugung ist das Verbundvorhaben TriN im Juli 2018 - mit dreijähriger Laufzeit – gestartet. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) folgte im Februar 2020 der Launch des Webportals www.trinetz.de, das durch das E-Beratungsinstitut der Technischen Hochschule Nürnberg entwickelt wurde. Es hält nicht nur Informationen zum Thema Genesungsbegleitung bereit, sondern dient auch als Plattform für den Austausch und die Beratung von Genesungsbegleitern/-innen, Angehörigen, Arbeitgebern und Interessierten. Die inhaltliche Expertise liefern die Robert-Kümmert-Akademie gGmbH Würzburg, der Verein Soziale Inklusion e.V. Wetzlar und das Erthal Sozialwerk gGmbH Würzburg. Seit Ende 2019 kooperiert TriN mit dem Verein EX-IN Deutschland.

Projektlogo TriN (Trialog im Netz

Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de erläutert Dr. Christel Baatz-Kolbe (Robert-Kümmert-Akademie gGmbH) den Hintergrund des Projekts TriN, stellt die Ziele des Vorhabens vor und beschreibt, an welchem Punkt es sich momentan befindet.

qualifizierungdigital.de: Die Tätigkeit von Genesungsbegleiter/-innen ist vergleichsweise neu. Welche Aufgaben übernehmen diese Personen?

Dr. Baatz-Kolbe: Der Beginn der Genesungsbegleitung und die Qualifizierung von Genesungsbegleiter/-innen in sogenannten EX-IN Kursen geht auf ein europäisches Leonardo da Vinci-Projekt aus dem Jahr 2005 zurück. EX-IN ist die englische Abkürzung für "Experienced Involvement" ("Experten aus Erfahrung") und meint die Beteiligung Erfahrener im Behandlungsprozess. Psychiatrie-Erfahrene qualifizieren sich für diese Tätigkeit durch eine Ausbildung, die nach den Standards von EX-IN Deutschland e.V. durchgeführt wird. Sie besteht aus fünf Basis- und sieben Aufbaumodulen, die jeweils drei Tage dauern. Mittlerweile hat sich die Genesungsbegleitung in Deutschland stark weiterentwickelt und verbreitet. Sie ist aus dem sozialpsychiatrischen Hilfesystem nicht mehr wegzudenken.

Wie sieht der EX-IN-Ansatz genau aus?

Im Mittelpunkt der EX-IN-Ausbildung steht die Entwicklung von Erfahrungswissen, ausgehend von den individuellen Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer/-innen. Durch Reflexion und Strukturierung entwickelt sich ein erfahrungsbasiertes Wissen, welches als Kompetenz für die Begleitung von Menschen in Krisen - in der "Peer-Beratung" Anwendung findet. Wer selbst psychische Krisen durchlebt hat, weiß am besten, was in solchen Situationen hilfreich sein kann. Diese geteilten Erfahrungen ermöglichen ein empathisches und aktives Verstehen in der Beziehungsarbeit und fördern die Wahrnehmung individueller Ressourcen und Fähigkeiten auf dem Weg zur Genesung.

Darstellung trialogischer Ansatz in der Genesungsbegleitung des Projekts TriN
Der "trialogische Ansatz" (Quelle: eigene Darstellung)

Die Arbeit der Experten/-innen aus Erfahrung ist durch ein trialogisches Verständnis geprägt, welches die eigene Perspektive als Psychiatrie-Erfahrener im Verhältnis zu der von Angehörigen und Professionellen sieht. Genesungsbegleitung kann so eine Rolle als Schnittstelle, Brücke oder auch Bindeglied zwischen und für die an der Genesung beteiligten Gruppen einnehmen.

Wie sehen konkrete Einsatzmöglichkeiten für Genesungsbegleiter/-innen aus?

Grundsätzlich orientiert sich der Einsatz von EX-IN-Genesungsbegleiter/-innen stark am jeweiligen individuellen Profil. Wo liegen persönliche Stärken und Interessen? In welchem Umfang wird eine Tätigkeit angestrebt? Mögliche Aufgaben der Genesungsbegleitung können unter anderem sein:

  • Alltagsbegleitung und Unterstützung bei der Tagesstrukturierung
  • Erstellung von Genesungs- und Krisenplänen
  • Krisenintervention
  • Arbeit mit Angehörigen
  • Angebote zur Freizeitgestaltung
  • Unterstützung beim Aufbau sozialer Kontakte
  • Information über psychosoziale Angebote
  • Mitarbeit bei genesungsfördernden Haltungen und Praktiken
  • Begleitung und Unterstützung bei Entlassung/Aufnahme in Einrichtungen bzw. Einrichtungswechsel oder allgemein bei Behördengängen

Welche Arbeitsfelder ergeben sich aus diesen Tätigkeiten?

Die Arbeitsfelder für Genesungsbegleiter/-innen sind vielfältig. Sie sind in Kliniken, ambulanten Diensten, Wohnheimen und Beratungsstellen tätig. Ein neues Arbeitsfeld hat sich im Projekt TriN ergeben. EX-IN Genesungsbegleiter/-innen haben sich in der Online-Beratung weitergebildet und beraten in diesem Format die Ratsuchenden auf der Plattform www.trinetz.de.

Grundsätzlich lassen sich drei Ebenen in einer Organisation unterscheiden, auf denen die Arbeit von Genesungsgsbegleiter/-innen wirksam werden kann (Utschakowski: Mit Peers arbeiten, S. 46 ff.):

  • Ebene 1: Eine der Kernaufgaben von Genesungsbegleiter/-innen ist der direkte Kontakt mit dem Hilfesuchenden. Hier sollen der Zugang der Klienten/-innen zu den Angeboten sowie die Angebote selbst verbessert werden. Darunter fallen Kernkompetenzen wie Hoffnungsträger sein, Überzeugung auf Augenhöhe und praktische Unterstützung.
  • Ebene 2: Die Genesungsbegleiter/-innen treten in einen Dialog mit den Mitarbeitenden, um den Kontakt und die Orientierung zu den Klienten/-innen zu verbessern. Hier geht es darum, eine Verbindung zwischen Mitarbeitern/-innen und Klienten/-innen herzustellen, indem Genesungsbegleiter/-innen als „Dolmetscher“ fungieren und eine Brücke bilden.
  • Ebene 3: Im Austausch mit dem Management und den Gremien haben die Genesungsbegleiter/-innen die Aufgabe, „Recovery und Empowerment“ in der gesamten Organisation in ihren Abläufen und Regeln zu fördern. Hier besteht die Funktion der Genesungsbegleiter/-innen innerhalb der Organisation darin, die angebotene Unterstützung zu individualisieren und Impulse für die Qualitätssicherung zu geben.

Welche Vorteile bietet die Genesungsbegleitung?

Die Umsetzung des trialogischen Ansatzes unter Einbeziehung der Genesungsbegleiter/-innen und auch der Angehörigen hat viele Vorteile. Sie führt unter anderem zu:

  • einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen
  • neuem Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie
  • der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Ausbildung der Fachkräfte
  • innovativen Angeboten psychiatrischer Dienste und
  • zu einer stärkeren Einbeziehung der Perspektive der Angehörigen.

In der Praxis stellen Genesungsbegleiter/-innen Verbindungen zwischen Klient/-innen und Mitarbeiter/-innen her, sie werden zu "Dolmetschern/-innen" zwischen zwei "Kulturen". In diesem Sinne profitieren die Einrichtungen und Teams von der Arbeit mit Genesungsbegleiter/-innen, weil das trialogische Konzept es allen Beteiligten ermöglicht, ihre Perspektive zu erweitern und möglicherweise die Sichtweise zu verändern – im Denken wie im Handeln. Die Genesungsbegleiter/-innen selbst profitieren von ihrer Tätigkeit in Form einer höheren Zufriedenheit, mehr Selbstbewusstsein und Wohlbefinden.

Können neben den Patienten/-innen auch andere aus der Arbeit der Genesungsbegleiter/-innen einen Nutzen ziehen?

Die Angehörigenarbeit erfährt in der psychiatrischen Versorgung häufig noch wenig Aufmerksamkeit. Im Trialog werden sie als "Experten des Miterlebens" beschrieben. Die trinetz-Plattform ermöglicht, dass sie sich über die Tätigkeit von Genesungsbegleiter/-innen informieren und ihre betroffenen Angehörigen darauf aufmerksam machen können.

Angehörige beschreiben, dass die Tätigkeit der Genesungsbegleiter/-in zu einer Entspannung im familiären und privaten Umfeld führt, weil die Betroffenen beobachten, wie ihre persönlichen Erfahrungen zur Ressource werden und sie erleben können, wie sinnstiftend ihre Tätigkeit ist.

Gibt es Vorbehalte gegenüber Genesungsbegleitern/-innen, denen Sie häufig begegnen?

Der Einsatz von Genesungsbegleiter/-innen ist für Arbeitgeber häufig noch immer mit Unsicherheiten verbunden, weil es sich um eine "junge" Qualifizierung handelt, die derzeit noch keine formale Anerkennung genießt. Das Berufsbild "Genesungsbegleiter/-in" taucht daher nicht in tariflichen Regelwerken auf, denn es lässt sich (noch) nicht den üblichen Kriterien für einen anerkannten Beruf zuordnen.

Ein möglicher Vorbehalt gegenüber Genesungsbegleiter/-innen kann zudem beim Umgang mit Nähe und Distanz bestehen. Als wesentliche Voraussetzung professionellen Handelns gilt die Entwicklung einer professionellen Distanz, die als Richtschnur für die psychosoziale Beziehungsarbeit gilt.  Genesungsbegleiter/-innen sind in ihrer beruflichen Rolle eher als Person erfahrbar und agieren aus einer Beziehungshaltung heraus, die sich als professionelle Nähe skizieren lässt. Die dadurch geteilten Erfahrungen ermöglichen ein verständnisvolles und aktives Verstehen, welches vertraute und vertrauensvolle Begegnungen ermöglicht. Dieser andere Umgang mit Nähe sollte also nicht als mangelnde Abgrenzung, sondern als ein dialogöffnender und unterstützender Zugang für Menschen in Krisen angesehen werden.

Eine weitere Einschränkung im Rahmen der Implementierung besteht in der Befürchtung einer (Wieder-)Erkrankung der Genesungsbegleiter/-innen. Hier verringert ein offener und transparenter Umgang zwischen Arbeitgeber und Genesungsbegleiter/-in mit dem Thema mögliche Unsicherheiten.

Wie kann das Projekt TriN dabei helfen, die Arbeit von Genesungsbegleitern/-innen bekannter zu machen und sie im System der psychiatrischen Versorgung zu etablieren?

Die trinetz-Plattform hält die Möglichkeit bereit, Stellenangebote und -gesuche zu platzieren und sich in öffentlichen Foren über Stellen oder Fragen zum Thema Genesungsbegleitung auszutauschen. Des Weiteren kooperiert der Projektverbund seit Ende 2019 mit dem Verein EX-IN Deutschland.  Die Akteure profitieren voneinander durch die Verschränkung bestehender Netzwerke sowie durch den Austausch von Wissen und Erfahrung. Alle gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Optimierung der Plattform ein.

Screenshot der Online-Plattform www.trinetz.de
Die Web-Plattform www.trinetz.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur Genesungsbegleitung und präsentiert Beratungsangebote.

Welche Inhalte werden auf der TriN-Plattform angeboten?

Die Plattform www.trinetz.de zeichnet sich durch vier zentrale inhaltliche Bereiche aus:

  • Zu allererst können sich Interessierte allgemein rund um das Themenfeld Genesungsbegleitung informieren. Hierfür gibt es einerseits die Rubrik „Wissenswertes“, die alphabetisch geordnet einem Glossar für Genesungsbegleitung gleicht. Andererseits sind auch zielgruppenspezifische Information aufbereitet.
  • Ein zweites Angebot ist das öffentliche Austauschforum. Dieses wird unterschiedlich oft mit Themen der Weiterbildungsart, Einsatz in Unternehmen oder Einschränkungen durch die Corona-Pandemie gefüllt.
  • Das dritte Angebot schließt sich dem Austauschforum an. Es handelt sich dabei um die Stellenbörse, die in Stellenangebote und Stellengesuche aufgeteilt ist. Auch hierbei werden öffentliche Foren eingesetzt, die so allen Usern der Community gleichsam zugänglich sind. Falls Arbeitgeber sich für ein Stellengesuch eines potentiellen Arbeitnehmers/-in interessieren, kann ein vermittelndes Matching über das Projektteam hergestellt werden.
  • Der letzte Bereich ist die geschützte Mailberatung zwischen Ratsuchenden und Beratenden. Derzeit befinden sich sechs Berater/-innen im Einsatz, die innerhalb von zwei Werktagen auf Anfragen reagieren und die Foren moderieren. Das Team setzt sich aus Peerberatenden (EX-IN Genesungsbegleiter/-innen) und zwei Sozialpädagogen/-innen zusammen. In einer Folgeschulung wurden erstmals auch Angehörige psychisch kranker oder behinderter Menschen in der Online-Beratung qualifiziert und stehen damit ebenfalls für die Beratungsarbeit auf der Plattform zur Verfügung.

Die Beratung ist kostenfrei und anonym. Bei der Onlineberatung im Rahmen von TriN geht es nicht um eine therapeutisch orientierte Beratung, Menschen mit psychosozialen Fragen oder in akuten Krisen werden an die dafür vorgesehenen Beratungsstellen weiterempfohlen.

In welcher Phase befindet sich das Projekt TriN?

Das Projekt TriN befindet sich gerade in der Evaluationsphase. Basierend auf den Ergebnissen wird die Online-Plattform weiterentwickelt und optimiert. Damit soll anschließend der Grundstein für die nachhaltige Verstetigung des Projektes gelegt werden.

Bislang legte die Evaluation offen, dass sowohl die Startseite als auch die Stellenbörse zu den beliebtesten Seiten des Portals zählen - dicht gefolgt von den Informationen auf "Wissenswertes" und der Online-Beratung. In welchem Ausmaß die Zahlen durch die Corona-Pandemie beeinflusst waren, lässt sich (noch) nicht valide einschätzen. Eine erste vorsichtige Interpretation dieser Zahlen ist, dass die zentralen Ziele der interaktiven Online-Plattform erreicht werden - nämlich Information, Austausch, Stellenbörse, Vernetzung und Beratung.

Zukünftig soll die Webseite auf Qualifizierungsangebote für Angehörige hinweisen, damit der Stellenwert der Angehörigenperspektive im psychiatrischen Versorgungssystem betont und entsprechende Akzente in der Öffentlichkeitsarbeit gesetzt werden.

Geplant ist außerdem, die laufende Statistik der Webseite fortzuführen und Beratende sowie Ratsuchende zu ihrem Nutzerverhalten zu befragen. Alle Ergebnisse werden am Ende in einer "cross-examination" ausgewertet und verschränkt.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die trinetz-Plattform einen guten Start hatte. Das Projektteam steht momentan vor der Aufgabe, die Foren und den Austausch lebendig zu halten und den Zugang zu Arbeitgebern aber auch Angehörigen zu schaffen.

Bildnachweis: Foto Buchinger