NetEnquiry

Logo des Projekts NetEnquiry; Copyright: NetEnquiry (alle Rechte vorbehalten)

Das Projekt entwickelt, erprobt und evaluiert ein Mobile-Learning-Tool als internetbasierte Lernform für die betriebliche Aus- und Weiterbildung im Sinne einer simulierten Praxisanwendung.

Praxisrelevanz von NetEnquiry

Tablets bahnen sich ihren Weg in das Unternehmensumfeld, Infrastrukturen wie WLAN werden sukzessive ausgebaut. Dadurch eröffnen sich auf der einen Seite zahlreiche technische Potenziale. Zugleich bedeutet ein Arbeiten in einer Welt, in der Dynamik als einzige Konstante gesehen werden kann, dass Fach- und Führungskräfte in der Lage sein müssen, zukünftige Herausforderungen zu interpretieren und aufzunehmen. Zugleich wird ein Arbeiten in kooperativen Strukturen zunehmend wichtiger.

Symbolisch für die Finanzindustrie: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main
Abbildung 1: Symbolisch für die Finanzindustrie: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main (Foto: Gebbe)

Marktführende Unternehmen haben längst erkannt, dass die Halbwertzeit von Wissen immer kürzer wird und damit andere Anforderungen an das Personal gestellt werden müssen. Die Fähigkeit in komplexen, dynamischen Umgebungen zu Lernen gewinnt an Relevanz. Darüber hinaus besteht häufig ein Spannungsfeld, das sich aus den Erwartungen unterschiedlicher Stakeholder ergibt (Kunden, Arbeitgeber, eigene Person, Kollegen). Entsprechend muss die Ausbildung und Professionalisierung weit über das Erlernen und Organisieren von Wissen hinausgehen. Eine Kompetenzentwicklung ist erforderlich, die ein Orientieren, Abstimmen, begründetes Entscheiden und Umsetzen in einem solchen Umfeld ermöglicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass in der Praxis nicht jeder Fall eindeutig erscheint, sei es weil Informationen nicht zugänglich sind, zeitliche Ressourcen für eine fundierte Analyse fehlen, terminlicher Handlungsdruck besteht oder externe Entwicklungen in der Zukunft beeinflussen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war. Das heißt, es gibt in der Praxis Gründe für und gegen ein bestimmtes Handeln. Die Priorisierung und Gewichtung einzelner Entscheidungsgrundlagen und das Suchen, Finden und Nutzen von relevanten Informationen ist daher häufig mitentscheidend, ob in einer Situation sinnvoll gehandelt wurde. Dieses bedeutet auch, dass moralisch-ethische und/oder strategische Entscheidungen versteckte Fehlerquellen, die teilweise gelöst werden können, bergen. Eben der Umgang und ein Bewusstsein für mögliche Fehler, Entscheidungen und Begründungen Dritter sind Ausdruck von Professionalität.

Didaktisch stellt sich die Frage: Wie kann ich ermöglichen, dass jemand diese Kompetenzen entwickelt. Wie kann jemand zum Beispiel Lernen eine Leitungsfunktion auszuüben, ohne die Rolle real zu bekleiden? Wie kann jemand den Umgang mit problematischen Kunden und Fällen lernen, wenn er in der Ausbildung eben solche Fälle nicht bearbeiten darf? Wie kann ein Dozent Rahmenbedingungen bereitstellen und bewerten, wenn Lernende kooperativ und räumlich verteilt arbeiten? Wie können entsprechende halboffene, komplexe Szenarien bewertet werden? Liegt in einem solchen Ansatz für berufliche Schulen ohne Unternehmenskontext im Hintergrund ebenfalls ein Potenzial in solchen Lernszenarien?

Ein Blick in heutige, mobile Lernangebote und darüber hinaus zeigt, dass es hier konzeptionell sowie didaktisch-technisch an Umsetzungen fehlt. Nicht nur die theoretisch-konzeptionelle Abbildung dieser Verflechtungen ist äußerst komplex. Auch die didaktisch-technische Umsetzung stellt umfangreiche Anforderungen an Entwickler. Viele Fragen, die vor dem Beginn des NetEnquiry-Projektes unbeantwortet waren und systematisch aufgenommen werden sollten.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt NetEnquiry hat sich dieser Aufgabe gestellt – gemeinsam mit mehreren, freiwilligen Partnern. Die Projektleitung hat die Universität Paderborn mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik II – Wirtschaftspädagogik und Evaluationsforschung inne. Lehrstuhlinhaber ist Prof. Dr. Marc Beutner (Projektleitung), unterstützt durch die wissenschaftlichen Mitarbeiter Dipl.-Hdl. Marcel Gebbe (didaktisch-technische Innovationsentwicklung) und Dipl.-Volksw. Lara Melissa Fortmann (Didaktik & Finanzen).

Projektkoordinator-Team der Universität Paderborn, Wirtschaftspädagogik Prof. Dr. Beutner
Abbildung 2: Projektkoordinator-Team der Universität Paderborn, Wirtschaftspädagogik Prof. Dr. Beutner (Fotos: Gebbe)

Weitere Details zum Konsortium.

Innovationsfelder von NetEnquiry

Das NetEnquiry-Projekt hat ein gleichnamiges Software-System entwickelt: „NetEnquiry“.
Es bietet ein technisches Framework, welches mit unterschiedlichen Szenarien für unterschiedliche Branchen gefüllt werden kann. Das bedeutet, es können Prozesse hinterlegt, Inhalte eingepflegt und Funktions-Module freigeschaltet werden. Letztere können für die Orientierung, die Bearbeitung von Geschäftsprozessen oder für additive Lernaufgaben genutzt werden. Beispiele sind Rollenkarten, Notizzettel, Kreditrechner, Kundeninformationssystem, Kreditmanager, interaktive Video-Beratungsdialoge, Mail, Telefon, Mindmapping, QuickNote. Je nach Szenario sind einzelne Module erforderlich und können entsprechend angeboten werden.

Im Projekt wurden entsprechende Szenarien am Beispiel der Finanzindustrie entwickelt. Ausgangsbasis sind reale Geschäftsprozesse, die im Detail betrachtet wurden. Darauf aufbauend wurde der Lernbedarf definiert und kooperative Arbeitszusammenhänge vor einem didaktischen Hintergrund ausgearbeitet.

Beispiel „Privatkredit Willmer“

Lernende können in dem hier exemplarisch dargestellten Fall „Privatkredit Willmer“ in einem Dreier-Team einen Privatkredit vergeben. Dabei ist der Fall so konstruiert, dass er (je nach Stellschrauben) zu einem moralisch-ethischem Dilemma führt. Ein Lerner agiert dabei als Kundenberater, einer als vorgesetzter Filialleiter und ein dritter als sachbearbeitender Kreditmanager.

Über Szenario-Stellschrauben kann der Dozent den Fall eindeutig in eine Zu- oder Absage oder auch in einen Graubereich drehen. Dabei verändert jede Stellschraube die Begründungslinie, wodurch neun Basisfälle angeboten werden können, die über manuelle Anpassungen um weitere Charakteristika ergänzt werden können. So können zum Beispiel Prognosen für die Zukunft, Einkommen, Vermögensstruktur verändert werden.

Neben diesem Basis-Geschäftsprozess, der von der Erstberatung bis zur finalen Zu- oder Absage kooperativ „gespielt“ werden kann, bearbeiten die einzelnen Rollen noch das „Tagesgeschäft“. So erreichen beispielsweise E-Mails, Telefonanrufe, Briefe den oder die Lerner, die diesen oder diese jeweils auffordern im Geschäftsprozess zu agieren.

Die oben exemplarisch aufgeführten modularen Funktionen, wie Kreditrechner, interaktiver Videodialog müssen für eine sachgerechte Bearbeitung genutzt werden. Ein intelligentes Scoring berücksichtigt Stellschrauben, institutionelle Idealvorstellungen zu Prozessen, externe Schocks, moralisch-ethische Richtlinien, Zeitrestriktionen.

Einblicke in die serious mobile learning-App „NetEnquiry“ am Beispielszenario „Privatkredit Willmer“
Abbildung 3: Einblicke in die serious mobile learning-App „NetEnquiry“ am Beispielszenario „Privatkredit Willmer“

Didaktisch-technische Innovationen

Was wird in NetEnquiry umgesetzt, was es in der Form für mobiles Lernen nicht gab? Welche Möglichkeiten ergeben sich für Lernende und Lehrende in Aus- und Weiterbildung?

Das didaktisch-technische Konzept von NetEnquiry ist einzigartig und gespickt mit Innovationen. Neben diversen kleinen Neuerungen sind insbesondere zu nennen:

  • die Integration von didaktischen Stellschrauben in den Dimensionen inhaltlich, strategisch und moralisch-ethisch
  • das interaktive, dynamische Dialogsystem
  • die Interdependenz von Entscheidungen (zum Beispiel Dialogführung) für weitere Prozesse (zum Beiispiel Eskalationsprozesse bis hin zur Übernahme durch den Filialleiter)
  • die Integration von „dynamischer Zeit“ zur Abbildung von Dynamik, Fristen, Kurslaufzeiten, Finalität von Entscheidungen
  • das intelligente, quantitativ-qualitativ verschränkte Scoringsystem
  • die Authentizität von modularen Funktionen, Content
  • die Variabilität in der Einbindung von Szenarien (in Komplexität, Inhalt, Prozessen, Funktionen)

Die App ist somit nicht nur flexibel für individuellen Bedarf gestaltbar. Sie wird zugleich zum Projektende zur freien Verfügung stehen und von wissenschaftlichen Publikationen und Schulungsmaterialien begleitet. Damit sind zentrale Grundvoraussetzung für Nachhaltigkeit und Transferfähigkeit geschaffen.