SHELTER: "Wissen über Traumatisierung notwendig, um junge Geflüchtete gut unterstützen zu können"

Prof. Dr. Jörg Fegert im Portrait

Mit der Entwicklung von drei Online-Kursen möchte die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm den Fortbildungsbedarf unter Flüchtlingsbetreuern und – Betreuerinnen decken.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Verbundvorhaben, das sich sowohl an Fachkräfte als auch an ehrenamtliche Helfer richtet, ist im September 2016 mit dreijähriger Laufzeit gestartet. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de spricht Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, über die Ziele von "SHELTER", Kursinhalte sowie die Notwendigkeit, Verständnis für Traumafolgen und psychische Belastungen aufzubringen.

qualifizierungdigital.de: Herr Prof. Dr. Fegert, beschreiben Sie bitte, worum es bei dem Verbundprojekt "SHELTER" geht und in welchem Kontext das Vorhaben gestartet wurde.

Prof. Dr. Fegert: Seit dem Jahr 2015 hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, vor allem aufgrund des fortdauernden Bürgerkrieges in Syrien, sprunghaft erhöht. Unter diesen Flüchtlingen befindet sich auch ein großer Anteil an Kindern und Jugendlichen. Viele von ihnen haben traumatische Erfahrungen aufgrund der bewaffneten Konflikte in ihrer Heimat und auch auf der Flucht gemacht. Sie weisen als Folge eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Störungen auf. Dies erfordert von Fachkräften im medizinisch-therapeutischen und pädagogischen Bereich, die mit geflüchteten Minderjährigen arbeiten, sowie Ehrenamtlichen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, spezifische Kompetenzen, um eine qualitativ hochwertige Versorgung junger Flüchtlinge zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund werden, dank der Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, drei Online-Kurse zur Fort- und Weiterbildung von Fachpersonen und Ehrenamtlichen erstellt sowie evaluiert.

In welcher Projektphase befindet sich "SHELTER" derzeit?

Im Rahmen des Projektes werden zwei Testkursdurchläufe angeboten. Der erste Testkursdurchlauf, mit insgesamt knapp 1.400 Testteilnehmenden, ist am 19. Juli 2017 gestartet. Personen, die gerne am zweiten Testdurchlauf im Jahr 2018 teilnehmen möchten, können sich auf der Projektwebseite in die Interessentenerfassung eintragen.

"Viele junge Geflüchtete sind durch das, was sie auf der Flucht erlebt haben, stark belastet"

Rückansicht eines jungen Flüchtlings, der eine Decke unter dem Arm trägt
Das Projekt SHELTER soll Flüchtlingsbetreuer im Umgang mit traumatisierten jungen Menschen schulen - durch drei Online-Kurse. Foto: Thinkstock (Constantinis)

Wie schätzen sie den Bedarf an Fortbildungsangeboten unter Flüchtlingsbetreuern ein?

Aus unserer Sicht besteht ein hoher Fortbildungsbedarf, denn viele junge Geflüchtete sind durch das, was sie auf der Flucht erlebt haben, stark belastet. In diesem Zusammenhang ist Wissen, zum Beispiel über Traumatisierung und ihre Folgen, notwendig, um junge Geflüchtete auch langfristig gut unterstützen können. Die Arbeit mit jungen Geflüchteten kann auch Belastungen beinhalten. Ein Thema der Online-Kurse ist deshalb auch Selbstfürsorge und Strategien zum Umgang mit eigenen Belastungen.

Wie sind die Online-Kurse von SHELTER aufgebaut?

Die Online-Kurse haben einen Bearbeitungsumfang zwischen 15 und 25 Stunden. Die Lernmaterialien bestehen aus Grundlagen- und Rechtstexten, Fallbeispielen, Videoclips sowie Praxismaterialien zum Download. Die Bearbeitung der Lernmaterialien kann innerhalb der Kurslaufzeit von 20 Wochen frei eingeteilt werden.

Wie stellen sie sicher, dass die Online-Kurse stets praxisnahe Inhalte vermitteln?

Die Planung der Didaktik und die inhaltliche Umsetzung werden von einem wissenschaftlichen und fachpolitischen Beirat begleitet, in dem Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen der Flüchtlingsarbeit mitarbeiten. Im Rahmen der Begleitforschung wird die Zufriedenheit mit den Kursen sowie den zur Verfügung gestellten Lernmaterialien erhoben. Außerdem bereichern Vorschläge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Testdurchläufen die praxisnahe Ausgestaltung. Auf Basis dieser Rückmeldungen werden die Kurse nach den Testdurchläufen überarbeitet.

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