"Wir verknüpfen Medienkompetenz mit Inklusionskompetenz"

Rachel Knauer

Mittels inklusiver Teamarbeit integriert das Verbundprojekt IDiT ("INCLUDING.DIGITAL.TWINS") Rehabilitanden/-innen und Auszubildende kaufmännischer Berufe in den ersten Arbeitsmarkt.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms "Digitale Medien in der beruflichen Bildung" geförderte Vorhaben IDiT erforscht, wie Rehabilitanden/-innen und Auszubildende die für den beruflichen (Wieder-)Einstieg erforderlichen digitalen Kompetenzen und Fertigkeiten erwerben können. Im Mittelpunkt des im Oktober 2018 mit dreijähriger Laufzeit gestarteten Projekts stehen inklusive Tandems, die Lernmedien entwickeln und beteiligt sind am Aufbau einer webbasierten Lern-Community. Zum Projektverbund gehören die Hochschule Niederrhein (Standort Krefeld), die Technische Hochschule Köln sowie das Berufsförderungswerk Köln. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de stellt Projektleiterin Rachel Knauer (Berufsförderungswerk Köln gGmbH) IDiT vor.

qualifizierungdigital.de: Worum geht es im Projekt IDiT?

Knauer: In der digitalisierten Berufswelt gehören Fertigkeiten in projektorientierter Teamarbeit, digitaler Kommunikation sowie die Analyse und Verarbeitung komplexer Informationsprozesse zu den Standardwerkzeugen - und damit auch auf den modernen Ausbildungslehrplan. Dies gilt sowohl für Menschen ohne Beeinträchtigung als auch für Menschen, die ihren ursprünglich erlernten Beruf aufgrund einer gesundheitlichen Einschränkung oder Behinderung nicht mehr ausüben können. Im Projekt IDiT verknüpfen wir Medienkompetenz mit Inklusionskompetenz und tragen so an der Teilhabe aller Berufstätigen am digitalisierten, zukunftsorientierten Arbeitsleben bei.

Projektlogo IDiT (Including Digital Twins)

Wie ist diese Projektidee entstanden?

Die Projektidee ist in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Werner Heister (Hochschule Niederrhein) und Prof. Dr. Isabel Zorn (Technische Hochschule Köln) entstanden. Hierbei haben - neben dem Ziel der inklusiven Zusammenarbeit von Menschen mit und ohne Behinderung - weitere Ziele eine große Rolle gespielt. Zu nennen ist die Entwicklung von barrierearmen und datensicheren Medien sowie das öffentliche Zugänglichmachen von vielseitigen Lernmedien im kaufmännischen Bereich. Daraus sind drei Hauptstränge entstanden:

  • Die Entwicklung und Anwendung eines "Baukastens der Medienkompetenz" für Rehabilitanden/-innen am Berufsförderungswerk Köln.
  • Eine gemeinsame Tandemarbeit der Rehabilitanden/-innen mit Auszubildenden externer Unternehmen, in der Lernmedien konzipiert und umgesetzt werden.
  • Die projekteigene Lern-Community "DAS LERNBÜRO", die als wertvoller Materialpool und hilfreiche Austauschplattform für Gleichgesinnte konzipiert ist.

Welche Inhalte werden in der Lern-Community geteilt?

Die Lern-Community "DAS LERNBÜRO", die voraussichtlich Ende Januar 2021 mit einem Teil der Lernfelder online geht, soll allen Lerntypen etwas Passendes bieten. Sie orientiert sich am Rahmenlehrplan für Kaufleute für Büromanagement und wird sämtliche dort vertretenen Lernfelder abdecken. Inhalte wird es als Video- und/oder Audiodatei geben, als "Factsheets", Übungen oder interaktive H5P-Elemente, womit auch Gamification-Aspekte Berücksichtigung finden. Daneben wird es Zusatzinhalte geben, beispielsweise das bereits erwähnte Grundlagenwissen des "Baukastens für Medienkompetenz", aus dem Lehrende wie Lernende schöpfen können. Zusätzlich werden Sprechstunden und Lerntipps in Prüfungsphasen angeboten. Um die gewünschten Inhalte rasch und präzise aufzufinden, wurde eigens eine Schlagwortsuche entwickelt.

 

"Ein großer Teil der Lernmedien wird so veröffentlicht, dass andere Nutzer/-innen sie herunterladen und für eigene Zwecke, beispielsweise im Unterricht, verwenden können."

 

Wie wird die Qualität der Inhalte gesichert?

Alle Materialen werden im Vorfeld von Experten/-innen inhaltlich und pädagogisch geprüft und teilweise mit zusätzlichen Hinweisen versehen, sodass sich die Auszubildenden auf die Qualität und den Nutzen des Lernmediums für ihre Prüfungsvorbereitung verlassen können. Relevant sind die Inhalte übrigens auch für Auszubildende anderer kaufmännischer Berufe.

Wie kann man sich aktiv in der Lern-Community einbringen?

"DAS LERNBÜRO" soll keine Einbahnstraße sein, in der die Nutzer/-innen nur passiv konsumieren. Wie es für eine Community üblich ist, bieten wir einen Forenbereich an, in dem man sich mit anderen User/-innen austauschen kann.  Außerdem wird es möglich sein, eigene Lernmedien zur Plattform beizutragen und hochzuladen. Ein großer Teil der Lernmedien wird so veröffentlicht, dass andere Nutzer/-innen sie herunterladen und für eigene Zwecke, beispielsweise im Unterricht, verwenden können.

Was ist die didaktische Grundlage des Projekts IDiT?

IDiT baut auf drei grundlegenden Säulen auf: Kooperatives Lernen, kollaboratives Lernen und selbstgesteuertes Lernen.

Rehabilitanden/-innen und Auszubildende lernen kooperativ, indem sie ein Tandem bilden, das zu einem prüfungsrelevanten Thema Lernmedien konzipiert und produziert. Dies können Legetrickvideos, eine vertonte PowerPoint-Präsentation oder interaktive H5P-Elemente sein. Kooperatives Lernen zeichnet sich durch viele positive Effekte aus: Das eigene Wissen wird auf den Prüfstand gestellt und etwaige Wissenslücken werden aufgedeckt. Im Idealfall können sie durch gemeinsames Eruieren und Lernen geschlossen werden.

Die zweite didaktische Grundlage ist die des kollaborativen Lernens - obwohl der Begriff im Deutschen häufig synonym zur Kooperation verwendet wird. Doch während die Kooperation auf eine gemeinschaftliche Unternehmung zur Zielerreichung abzielt, kann Kollaboration verschiedene Handlungen umfassen, die einem gemeinsamen Ziel dienen. Im Fall von IDiT sind beispielsweise die Präpositionen der Tandems unterschiedlich: Auszubildende sind meist jünger und medienaffiner als Rehabilitanden/-innen. Diese verfügen jedoch über mehr Lebens- und Berufserfahrung. Die Ausgangssituation und die Vorkenntnisse - und daraus abgeleitet die Vorgehensweisen innerhalb der Tandems - sind unterschiedlich, obwohl sie ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Zuletzt setzt IDiT auf das Prinzip des selbstgesteuerten Lernens. Wann Tandems ihr Lernmedium konzipieren, ist ihnen freigestellt. Auch der inhaltliche Fokus, der Vertiefungsgrad in die Materie oder die Gestaltung von Folien, Texten und Designs liegen im Ermessen der Tandems. Sogar die eigenständige Überwachung und Steuerung der (Zwischen-)Ergebnisse ist selbstgesteuert. Dafür stehen den Tandems Lerntagebücher zur Verfügung, sowie die flankierende Unterstützung durch die regelmäßige Lernbegleitung.

⇒ IDiT Working Paper Nr.1: Was sind digitale Lernsettings und wie gestaltet man sie?

Wie sieht die Lernbegleitung der Tandems konkret aus?

Jedem Tandem ist eine feste Begleitperson zugeordnet, die über den gesamten Tandemzeitraum Ansprechpartner/-in bei fachlichen und organisatorischen Fragen ist. Auch wird eine regelmäßige Sprechstunde zwischen den Tandems und den Coaches durchgeführt, in der der Arbeitsfortschritt besprochen wird. Am Ende der Tandemarbeit erhalten die Tandems ein Abschlussfeedback zum erstellten Lernmedium.

Bei den Coaches handelt es sich um Ausbilder/-innen des Berufsförderungswerks und Mitarbeiter/-innen der Hochschulen im Projektverbund. Die Lernbegleitung wird schriftlich erfasst und regelmäßig gemeinsam besprochen, um einen qualitativ wie quantitativ einheitlichen Betreuungsstandard in allen Tandems zu gewährleisten.

 

"IDiT setzt sich für eine aktive Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt ein und fördert die Inklusionskompetenz der Auszubildenden."

 

Welche berufsrelevanten Kompetenzen vermittelt das Projekt IDiT?

Auf Basis der didaktischen Grundlagen werden Kompetenzen wie Selbstmanagement, Analyse-, Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten gefördert. Darüber hinaus werden die Fachkompetenzen des Rahmenlehrplans für Kaufleute für Büromanagement abgedeckt.

Durch die enge Zusammenarbeit von jungen Auszubildenden mit erfahreneren Rehabilitand/-innen rücken wir zugleich das Thema Inklusion in den Fokus. Im regulären Ausbildungs- wie Berufsalltag kommen diese beiden Gruppen eher selten zusammen. IDiT setzt sich daher für eine aktive Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt ein und fördert die Inklusionskompetenz der Auszubildenden, indem ein gleichberechtigter Raum für das erste Kennenlernen eröffnet, ein Perspektivwechsel ermöglicht und so die Ausprägung von Vorurteilen minimiert oder gar verhindert wird.

Daneben umfasst das Projekt IDiT eine kritische Auseinandersetzung mit Medienphänomenen. Durch die professionellen Anwendungen dieser Skills vertieft dies die berufsrelevante Medienkompetenz bei den Teilnehmenden. Berufliche Handlungskompetenzen, sprich Fachkompetenzen durch die intensive Beschäftigung mit den Ausbildungsinhalten während der Medienerstellung sowie personale Kompetenzen runden das Profil der Kompetenzen ab, die Auszubildenden und Rehabilitanden/-innen im Projekt IDiT vermittelt werden.

Wie werden die Rehabilitanden/-innen auf ihre Rolle in der Tandemarbeit vorbereitet?

Auf diese Rolle bereiten wir die Teilnehmenden des Berufsförderungswerks vor allem mit inhaltlichen und medialen Kenntnissen vor. Dazu haben wir im Rahmen des Projekts den sogenannten "Baukasten der Medienkompetenz" entwickelt, in dem schwerpunktmäßig Phänomene der digitalen Alltags- und Berufswelt – dazu gehören Suchmaschinen, Messenger-Dienste oder der Online-Handel - und elementare Software-Skills vermittelt werden. Letztere umfassen nicht nur die gängigen Office-Anwendungen, sondern auch das interaktive Lern-Tool H5P, mit denen Quizze und andere Lernmedien erstellt werden können. Die Rehabilitanden/-innen lernen diese Werkzeuge nicht nur theoretisch kennen, sondern probieren sie bereits vor der Tandemarbeit praktisch aus. Das so gewonnene Wissen können sie in der Tandemarbeit nutzen, um etwa Fragen der Auszubildenden zu beantworten oder Umsetzungsimpulse zu liefern.

Welche Auswirkungen hat die Covid 19-Pandemie auf die Tandemarbeit?

IDiT war schon vor der Pandemie stark digital ausgelegt. Aus diesem Grund konnten wir glücklicherweise weitgehend wie geplant vorgehen, wenngleich sich der Start der Tandemphase etwas verzögerte. Wir freuen uns sehr, dass sich – trotz aller Herausforderungen und Unsicherheiten dieser Tage – zehn Rehabilitanden/-innen und neun Auszubildende zu Zweier- bzw. Dreierteams zusammengefunden haben.

Teilnehmende des Tandem-Programms des Projekts IDiT im September 2020
Die Teilnehmenden der Auftaktveranstaltung des Projekts IDiT am Berufsförderungswerk Köln im September 2020. Foto: M. Lindenberg

Die Kommunikation innerhalb der Tandems, mit den Coaches und im Projektverbund findet größtenteils über Videokonferenzen und Chats statt und ist daher unabhängig von der Pandemie. Die Abschlussveranstaltung, bei der alle Lernmedien präsentiert und die Teilnahme-Zertifikate vergeben werden, wird jedoch - anders als geplant - digital stattfinden.

Barrierearmut spielt bei IDiT eine wichtige Rolle. Wie wird diese Vorgabe in der Praxis umgesetzt?

Im Projekt IDiT wird nicht nur auf die Erstellung barrierearmer (Lern-)Medien geachtet, sondern auch auf Aspekte des "Universal Design", etwa durch den vielfältigen Medienmix in der projekteigenen Lern-Community "DAS LERNBÜRO". Auch digitale Kommunikationswege, die aus unserem Berufsalltag nicht wegzudenken sind, müssen inklusiv und zugleich verlässlich datensicher sein. Aus diesem Grund haben wir im Rahmen des Projekts eine umfassende Analyse zahlreicher Messenger Apps vorgenommen, die neben Aspekten der Barrierearmut auch verschiedene Merkmale der Datensicherheit berücksichtigt.

⇒ IDiT Working Paper: DSGVO-konforme Messenger-Apps für Bildungseinrichtungen

Welche Reaktionen von Teilnehmenden haben Sie bereits bekommen und wie geht es mit IDiT weiter?

Wir führen regelmäßig Befragungen mit den Teilnehmenden durch und haben viel positives Feedback erhalten. Vor allem die Vermittlung und Auffrischung berufsrelevanter Software-Kenntnisse und das Thema Datenschutz sind dabei sehr beliebt, wenngleich wir es natürlich mit einer heterogenen Zielgruppe zu tun haben, die unterschiedliche Vorkenntnisse und Interessen mitbringt.

Der erste Durchgang der Tandemarbeit endet im Dezember 2020. Seine Evaluationsergebnisse fließen unmittelbar in den zweiten Durchgang, für den im Januar 2021 eine Infoveranstaltung für interessierte Unternehmen und Auszubildende angesetzt ist, ein.

Die Lerneinheiten des "Baukastens Medienkompetenz" sind erst im November in den zweiten Durchlauf gestartet und münden im Frühjahr in die zweite Arbeitsphase der Tandems. Parallel arbeiten wir mit Hochdruck an der Lern-Community, damit "DAS LERNBÜRO" ebenfalls Ende Januar 2021 mit ersten Lernmedien online gehen kann. Nach dem Launch wird die Plattform sukzessive ausgebaut und mit Leben gefüllt werden.

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