"Digitale Medien können ein Weg zu mehr selbstbestimmtem Handeln sein"

Dr. Susanne Eggert im Portrait

Im März 2017 ist das Projekt „PADIGI“ (kurz für „Partizipative Medienbildung für Menschen mit geistiger Behinderung“) mit dreijähriger Laufzeit gestartet. Die Koordination des Verbundvorhabens hat das Münchener JFF-Institut für Medienpädagogik übernommen.

Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de stellt Dr. Susanne Eggert, stellvertretende Leiterin der Abteilung Forschung des JFF (Jugend Film Fernsehen e.V.), PADIGI vor und geht u.a. auf die Vorteile von "Blended Learning" - eine Lernform, die Präsenzveranstaltungen und e-Learning kombiniert - sowie die Rolle digitaler Medien in einer inklusiven Gesellschaft ein.

qualifizierungdigital.de: Frau Dr. Eggert, worum geht es bei dem BMBF-geförderten Projekt PADIGI?

Dr. Eggert: Mit PADIGI verfolgen wir das Ziel, ein Blended-Learning-Modul für Fachkräfte zu entwickeln, die mit Menschen mit einer geistigen Behinderung arbeiten. Inhalt des Blended-Learning-Moduls ist die Qualifizierung der Fachkräfte im Umgang mit digitalen Medien. Die Fachkräfte sollen befähigt werden, digitale Medien in ihrem Arbeitsalltag einzusetzen - mit dem Ziel, den Menschen, die sie unterstützen, mehr Teilhabe zu ermöglichen. Das Blended-Learning-Modul wird an der Akademie Schönbrunn erprobt und soll anschließend auch anderen Anbieterinnen und Anbietern zur Verfügung stehen.

Warum ist die Methode des "Blended Learning" gerade für Fachkräfte im pädagogisch-pflegerischen Bereich hilfreich?

Gerade Fachkräfte im pädagogisch-pflegerischen Bereich haben oft nicht nur einen sehr dichten Dienstplan, in vielen Fällen sind die Arbeitszeiten auch sehr unregelmäßig. Das hat zur Folge, dass es für diese Personengruppe oft schwierig ist, mehrtägige Fort- und Weiterbildungsangebote wahrzunehmen. Die Möglichkeit, sich mit Lerninhalten auseinanderzusetzen, ohne dabei zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein zu müssen, ist deshalb gerade für diese Zielgruppe besonders reizvoll. Dennoch sind auch die Präsenztermine wichtig. Die Dozentinnen und Dozenten sowie die anderen Teilnehmenden persönlich kennenzulernen und sich mit diesen "face-to-face" austauschen zu können, ist insbesondere aus motivationaler Perspektive wertvoll.

"Digitale Medien auch im Alltag von Menschen mit geistiger Behinderung präsent"

Logo des Projekts PADIGI
PADIGI soll Fachkräfte aus der Heilerziehungspflege zu medienbildnerischen Aktivitäten befähigen. Grafik: © JFF-Institut für Medienpädagogik

Was sind die Zielgruppen von PADIGI?

PADIGI hat zwei Zielgruppen. Da sind zunächst die pädagogisch-pflegerischen Fachkräfte, für die das Fortbildungsmodul entwickelt wird. Mithilfe der Methode des Blended-Learnings soll ein Angebot entstehen, das auf deren spezifische Arbeitssituation abgestimmt ist. Eine zweite Zielgruppe sind Menschen mit geistiger Behinderung. Digitale Medien geraten mit Blick auf Menschen mit Assistenzbedarf oft aus dem Blick, weil andere Probleme und Bedürfnisse offensichtlicher sind. Dies gilt insbesondere für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, denen es häufig schwerfällt, sich und ihre Bedürfnisse zu äußern. Diese existieren aber auch im Hinblick auf digitale Medien.

Welche Ziele werden mit Blick auf die Zielgruppen verfolgt?

Mit Blick auf pädagogisch-pflegerische Fachkräfte verfolgt PADIGI zwei Ziele, die auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Zum einen geht es darum, die methodischen Potenziale, die ein Blended-Learning-Angebot bietet, zu nutzen, um Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für eine Zielgruppe zu entwickeln, die sich an den Bedingungen orientieren, die eine Beschäftigung in diesem Bereich mit sich bringt. Darüber hinaus ist es uns aber ebenso ein Anliegen, den Fachkräften zu vermitteln, dass digitale Medien auch im Alltag von Menschen mit geistiger Behinderung präsent sind. Dass sie in diesem Zusammenhang Bedürfnisse haben und dass digitale Medien auch ein Weg zu mehr selbstbestimmtem Handeln sowie zu größerer gesellschaftlicher Teilhabe sein können.  Im Zusammenhang damit sollen die Fachkräfte dazu befähigt werden, digitale Medien in ihrem Arbeitsalltag einzusetzen, um den Menschen, die sie unterstützen, mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu ermöglichen. Damit ist auch schon das wichtigste Ziel im Hinblick auf die zweite Zielgruppe, Menschen mit kognitiven Einschränkungen, umrissen: Sie sollen die Möglichkeit haben und dabei unterstützt werden, digitale Medien souverän zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse im Alltag einzusetzen.

"Ich konnte gerade erst beobachten, wie eine blinde Frau über die Sprachfunktion von WhatsApp kommuniziert hat"

Über PADIGI hinaus: Welche Rolle können digitale Medien ihrer Meinung nach in einer inklusiven Gesellschaft spielen?

Digitale Medien können eine große Unterstützung auf dem Weg zu einer und in einer inklusiven Gesellschaft sein. Ein paar wenige Beispiele aus dem Alltag: Schon heute können digitale Techniken Menschen mit Einschränkungen beispielsweise die Kommunikation erleichtern und selbständiges und selbstbestimmtes Handeln ermöglichen. Ich konnte gerade erst in der S-Bahn beobachten, wie eine blinde Frau über die Sprachfunktion von WhatsApp kommuniziert hat und sich dank akustischer Signale auch sonst auf ihrem Smartphone sehr gut zurechtgefunden hat. Darüber hinaus sind digitale Medien auch für Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten – zum Beispiel die vielen Geflüchteten, die zurzeit versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen – eine große Unterstützung. Übersetzungsprogramme, GPS und mehr erleichtern es ihnen, sich zurechtzufinden. Großes Potenzial bieten auch die sozialen Netzwerkdienste, über die es beispielsweise möglich ist, sich mit anderen Menschen zu treffen, diejenigen mit gleichen Interessen zu finden, über bestimmte Themen zu diskutieren oder zusammen zu spielen, ohne die eigene Identität preisgeben zu müssen. Aber auch im Hinblick auf mehr gesellschaftliche Teilhabe - Stichworte sind hier Petitionen, Diskussionsforen, Umfragen - eröffnet das Internet zahlreiche Möglichkeiten. Und schließlich haben die digitalen Medien und insbesondere das Internet eine wichtige Funktion, wenn es darum geht, über die inklusive Gesellschaft zu informieren, Beispiele zu verbreiten, die den Mehrwert eines inklusiven Zusammenlebens zeigen und somit Teilhabeprozesse zu gestalten und aktiv voranzubringen.

Bildnachweis: JFF-Institut für Medienpädagogik