Dokumentation 6. Tagung "Digitale Medien - analoge Wirklichkeiten" - 05.10.2017

Frau mit VR-Datenbrille

Eine konkrete Vorstellung davon vermitteln, welche Rolle digitale Medien in Gesundheits- und Pflegeberufen spielen bzw. in Zukunft spielen können. Dieser Aufgabe stellte sich die 6. Tagung aus der Reihe "Digitale Medien – analoge Wirklichkeiten", die am 5. Oktober 2017 in Berlin stattfand.

Die Digitalisierung hat große Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft. Dazu gehört, dass sie neu definiert, was unter moderner Gesundheitsvorsorge verstanden wird. Exemplarisch verdeutlicht dies die Debatte über die Einführung einer elektronischen Patientenakte. Trotzdem stehen Versprechen gesteigerter Effizienz nicht selten Alltagspraktiken gegenüber, die dem technologischen Fortschritt hinterherhinken. Diesen "Widerspruch" zu thematisieren sowie neue Lehr-, Lern- und Arbeitsmöglichkeiten für die Beschäftigten in Gesundheits- und Pflegeberufen aufzuzeigen, gehörte zu den Zielen der 6. Tagung aus der Reihe "Digitale Medien – analoge Wirklichkeiten".

Unter dem Titel "Innovativ qualifizieren in Gesundheits- und Pflegeberufen" hatten das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Fachkräfte in Pflege- und Gesundheitsberufen sowie weitere interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Universitätsklinik Charité (Campus Virchow-Klinikum) eingeladen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen innovative Qualifizierungskonzepte aus dem Förderprogramm "Digitale Medien in der beruflichen Bildung" des BMBF.

Prof. Dr. Frank Weidner
Prof. Dr. Frank Weidner referierte in seiner Keynote über die Digitalisierung in der Pflege. Foto: Simone Baar © Charité

Parallele Präsentation und Demonstration von ausgesuchten Projekten

Die in Berlin vorgestellten Projekte A.L.I.N.A., MediWeCo Physio, TRACY, EPICSAVE, GaBa_Learn, CARO und Kolegea/Kolegea++ entwickeln didaktische Konzepte zum digitalen Lernen sowohl in der beruflichen Aus- als auch in der Weiterbildung und generieren auf diese Weise Best-Practice-Modelle für die verschiedenen Stufen der beruflichen Biografie in Gesundheits- und Pflegeberufen.

Die rund 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung "Digitale Medien – analoge Wirklichkeiten" bekamen nach einer Begrüßung durch Dr. Stefan Luther (Unterabteilungsleiter "Strategie; Digitaler Wandel" im BMBF),  Prof. Dr. Michael Heister (Leiter der Abteilung "Berufliches Lernen, Programme und Modellversuche" im Bundesinstitut für Berufsbildung) sowie Kai Sostmann (Leiter des Kompetenzbereichs eLearning der Charité) die Möglichkeit, sich im Rahmen von zwei 75-minütigen Präsentationsdurchgängen vertieft mit den Projekten, die insgesamt drei Themenblöcken zugeordnet waren, auseinanderzusetzen. Dabei hatten sie auch die Möglichkeit, Tools und Anwendungen selbst auszuprobieren sowie mit den Projektverantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Die Keynote mit dem Titel "Digitalisierung im Gesundheitswesen – Chancen und Herausforderungen für die Professionalisierung der Pflege" hielt Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. in Köln.

Prof. Dr. Michael Heister
Prof. Dr. Michael Heister, Bundesinstitut für Berufsbildung. Foto: Simone Baar © Charité

Podiumsdiskussion zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen

Im Anschluss an die parallele Präsentation und Demonstration der Projekte fand im Forum 3 des Campus Virchow-Klinikums eine Podiumsdiskussion zu dem Thema "Ausbildung und Beschäftigung im Gesundheitswesen. Neue Wege durch Digitalisierung" statt. Zu der Runde, die von der Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg moderiert wurde, gehörten André Solarek (Stabsstelle Katastrophenschutz Charité), Dr. Gabriele Hausdorf (Leiterin des Referats D2 "Digitaler Wandel in der Bildung" im BMBF), Prof. Dr. Jonas Schild (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) sowie Prof. Barbara Schwarze (Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit).

In seiner Keynote benannte Prof. Dr. Frank Weidner zentrale Hemmnisse und Herausforderungen auf dem Weg zu einer digitalisierten Pflege in Deutschland. So stelle etwa die mangelnde Technikkompetenz bei den Professionellen noch immer ein Problem dar, ebenso die noch fehlende Akzeptanz digitaler Medien unter den Nutzerinnen und Nutzern. Der Gründungsdekan der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar sprach sich vor diesem Hintergrund u.a. für eine Weiterentwicklung der entsprechenden Förderpolitik sowie Forschung aus und forderte eine verstärkte Nutzer- und Alltagsorientierung von informations- und kommunikationstechnischen Lösungen ein.

Prof. Dr. Gabriele Hausdorf
Dr. Gabriele Hausdorf, Bundesministerium für Bildung und Forschung. Foto: Simone Baar © Charité

"Die Digitalisierung ist im Gesundheitsbereich angekommen"

Für den "Abbau von Berührungsängsten" machte sich im Rahmen der die Konferenz abschließenden Podiumsdiskussion die Vertreterin des BMBF, Dr. Gabriele Hausdorf stark. Sie stellte in diesem Punkt klar: "Die Digitalisierung ist schon vor einer Weile im Gesundheitsbereich angekommen. Es ist nur noch nicht ausreichend bekannt." Um die Integration von digitalen Medien in Gesundheits- und Pflegeberufen voranzutreiben, wurde in der Runde wiederholt der Wunsch nach einer engeren Vernetzung der Akteure geäußert. Prof. Barbara Schwarze forderte vor diesem Hintergrund "mehr Interdisziplinarität" und die Stärkung regionaler Kooperationsstrukturen.

Die Rolle digitaler Medien in der beruflichen Aus- und Weiterbildung skizzierend, sagte Prof. Dr. Jonas Schild: "Eine Digitalisierung losgelöst von der Qualität der Bildung wird es nicht geben." Vielmehr stünden digitale Medien in der Pflicht, einen "Qualitätsvorteil" nachzuweisen. Dr. Gabriele Hausdorf ergänzte in diesem Punkt, dass die Digitalisierung die übrigen Lernformen niemals gänzlich ersetzen könne. Das Panel war sich außerdem darin einig, dass die Einbeziehung der Nutzerinnen und Nutzer bei der Entwicklung digitaler Anwendungen essentiell sei, um deren Akzeptanz zu gewährleisten.

Podiumsdiskussion 6. BIBB-Tagung
Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion zum Thema "Ausbildung und Beschäftigung im Gesundheitswesen. Neue Wege durch Digitalisierung". Foto: Simone Baar © Charité

Das Panel (v.li.): André Solarek (Charité), Dr. Gabriele Hausdorf (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Prof. Dr. Jonas Schild (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg), Prof. Barbara Schwarze (Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit), Lilo Berg (Moderation).

In der Podiumsdiskussion wurde des Weiteren darüber debattiert, wie die Ergebnisse von Forschungsprojekten effektiv in die Breite getragen werden können. Daneben wurde thematisiert, wie digitale Medien die Attraktivität der Ausbildung sowie die Lerneffektivität steigern können.

Themenblock 1 – Fallbeispiele zu situativem und adaptivem Lernen (Intelligente Assistenzdienste)

Projekte: A.L.I.N.A. und MediWeCo Physio

Prof. Dr. Sabine Blaschke
Prof. Dr. Sabine Blaschke, Universität Göttingen. Foto: Simone Baar © Charité

Im Gesundheitswesen, sei es in der Medizin, bei Reha-Maßnahmen oder in der Pflege, werden zunehmend technische Assistenzsysteme genutzt. Im Rahmen des Themenblocks 1 wurden in Berlin zwei Projekte vorgestellt, in denen zur beruflichen Qualifizierung von Fachkräften intelligent-adaptive Lernsysteme eingesetzt werden: A.L.I.N.A. und MediWeCo Physio. Inwieweit die neuen Technologien für die Aus- und Weiterbildung einen Mehrwert darstellen können, demonstrierten die Referenten Martin Lemos und Marko Jovanovic (beide RWTH Aachen) sowie die Referentin Prof. Dr. Sabine Blaschke (Universität Göttingen).

Das Projekt A.L.I.N.A. (Intelligente Assistenzdienste und personalisierte Lernumgebungen zur Wissens- und Handlungsunterstützung in der Interdisziplinären Notaufnahme) verfolgt das Ziel, in den Prozessabläufen interdisziplinärer, zentraler Notaufnahmen (INA) für nicht-akademische Zielgruppen (Notfallsanitäter, Notfallpflegekräfte) intelligente Assistenzdienste zur bedarfsorientierten "in situ" Unterstützung - in der präklinischen und klinischen Phase der Notfallversorgung - via Internet zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sollen personalisierte Lernumgebungen etabliert werden, um die Vermittlung theoretischer und klinisch-praktischer Grundlagen orts- und zeitunabhängig zu unterstützen.

Marko Jovanovic und Martin Lemos
Die Referenten Marko Jovanovic (li.) und Martin Lemos (re.) von der RWTH Aachen stellten in Berlin das Projekt MediWeCo Physio vor. Foto: Simone Baar © Charité

Ziel von MediWeCo Physio ist die Unterstützung des Lernens, Lehrens und Prüfens von motorischen Fertigkeiten durch mobile Software-Entwicklungen - in Kombination mit neuartigen Lehr- bzw. Lernkonzepten. Dazu werden "Smart Wearables" eingesetzt, die Bewegungsdaten erfassen, auswerten und auf Basis dieser Analyse ein direktes individuelles Feedback geben.

Themenblock 2 – Game based Learning (Serious Games)

Projekte: TRACY, EPICSAVE und GaBa_Learn

Die Methode des spielebasierten Lernens wird zunehmend in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt. Sowohl sehr komplexe Szenarien wie Gefahrenlagen als auch typische Arbeitssituationen lassen sich in einer realitätsnahen 3D-Umgebung abbilden und geben den Lernenden die Möglichkeit, Handlungsabläufe zu trainieren, zu reflektieren und die für sie notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Welche Chancen die Visualisierung von Prozess- und Handlungsabläufen in der beruflichen Bildung bietet und wie eine Einbettung in Lernszenarien erfolgen kann, um zur Kompetenzentwicklung beizutragen, wurde im Rahmen des Themenblocks 2 beispielhaft von den Referenten Florian Behringer (Charité), Prof. Dr. Jonas Schild (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg), Benjamin Roth (Hochschule Hannover), Dieter Lerner (Fraunhofer IESE) sowie Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler (Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar) präsentiert.

Florian Behringer stellt Frau das Serious Game TRACY vor
Referent Florian Behringer (re.) stellt einer Tagungsteilnehmerin das Serious Game TRACY vor. Foto: Simone Baar © Charité

Der Katastrophenschutz in Krankenhäusern ist im Ernstfall von enormer Bedeutung. Hierfür bedarf es erstklassig und regelmäßig geschulten Personals. Im Projekt TRACY ("Gamebased Training for Disaster and Emergency Scenarios") wurden daher interaktive Lernanwendungen entwickelt, die bestehende Präsenzschulungen ergänzen und den Ernstfall im Rahmen eines Trainingsspiels realitätsnah simulieren. Nutzerinnen und Nutzer tauchen in die virtuelle Spielwelt eines Krankenhausgebäudes ein, werden für Gefahrenpotentiale und Sicherheitsvorkehrungen im Bereich des internen Katastrophenschutzes sensibilisiert und erlernen wichtige Handlungskompetenzen.

Prof. Dr. Jonas Schild präsentiert die Anwendung EPICSAVE
Prof. Dr. Jonas Schild (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) präsentierte im Campus Virchow-Klinikum das Serious Game EPICSAVE. Foto: Simone Baar © Charité

In EPICSAVE wird ein neuartiger Trainingsansatz für angehende Notfallsanitäter und -Sanitäterinnen entwickelt und erprobt. Diese tauchen mithilfe einer VR-Datenbrille in eine virtuelle Umgebung ein, in der sie mit virtuellen Patienten konfrontiert werden und diese versorgen können. Das Lernerlebnis wird verstärkt durch die Verknüpfung von motivatorischen Ansätzen aus der Computerspielewelt mit den theoretischen Ausbildungsinhalten.

Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler
Prof. Dr. Manfred Hülsken-Giesler, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar. Foto: Simone Baar © Charité

Im Projekt "Game Based Learning in Nursing – Spielerisch Lernen in authentischen, digitalen Pflegesimulationen" (kurz GaBa_Learn) geht es um die Entwicklung und Erprobung von computerbasierten Lernspielen für eine komplexe pflegerische Fallarbeit im Rahmen der Pflegeausbildung, um beruflich relevante Kompetenzen und Entscheidungsfindung am Beispiel der stationären Langzeitversorgung in praxisnah simulierten, digitalisierten Arbeitswelten zu erproben und einzuüben. Die Erprobung und Evaluation erfolgt in realen Lernkontexten der pflegeberuflichen Bildung.

Themenblock 3 – Praxisbeispiele für kooperatives Lernen

Projekte: CARO und Kolegea/Kolegea++

Eine multimediale und kooperative Lernumgebung eröffnet neue Möglichkeiten der örtlich und zeitlich flexiblen Wissensvermittlung. Klinische Patientenfälle können in Kleingruppen virtuell diskutiert werden. Berufliche Arbeitssituationen lassen sich multimedial gestalten und eröffnen neue Wege des fallbasierten Lernens. In Themenblock 3 wurden im Rahmen der Tagung "Digitale Medien – analoge Wirklichkeiten" verschiedene Nutzungsmöglichkeiten virtueller Lernumgebungen präsentiert und - anhand von zwei Beispielen aus der Pflegeausbildung und der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin - diskutiert. Die Referentin Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck und der Referent Prof. Dr. Karsten Wolf (beide Universität Bremen) stellten das Projekt CARO vor, während Prof. Dr. Christoph Heintze (Charité) die Online-Anwendung Kolegea++ vorstellte.

Prof. Dr. Karsten Wolf und Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck
Brachten den Teilnehmenden der Tagung das Projekt CARO näher: Prof. Dr. Karsten Wolf und Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck. Foto: Simone Baar © Charité

Ziel des Projektes CARO ist es, die computergestützte, multimediale, fallbasierte und kooperative Lernumgebung "CARO" für die Pflegeausbildung an der Schnittstelle zwischen theoretischem Unterricht und praktischer Ausbildung zu entwickeln, in den kooperierenden Schulen bzw. Betrieben zu implementieren und zu evaluieren. Im Einzelnen entstehen drei pflege- und mediendidaktisch begründete multimediale Lehr- bzw. Lernmodule, die auf komplexen Fallsituationen beruhen und darauf abheben, die Reflexion beruflicher Erfahrungen anzustoßen. Technisch wird die Lernumgebung durch ein interaktives Classroom-Management-System realisiert.

Prof. Dr. Christoph Heintze
Prof. Dr. Christoph Heintze, Charité. Foto: Simone Baar © Charité

Mit den Projekten KOLEGEA und KOLEGEA++ ist das erste deutsche Web 2.0 Online-Portal für kooperatives Lernen zur Begleitung fachärztlicher Weiterbildungen in der Allgemeinmedizin entwickelt worden. Die fallbasierte praxisnahe virtuelle Diskussion von Patientenfällen wird durch adaptive Empfehlungen und Web2.0-Anreizsysteme ergänzt. Die medizinische Expertise, ärztliche Rollen und Kompetenzen angehender Fachärzte werden gezielt sowohl durch "Gamifizierug" als auch durch Gruppen-Mentoring gefördert.

Dokumentation

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Vorträge und Präsentationen der 6. Tagung aus der Reihe "Digitale Medien - analoge Wirklichkeiten" als PDF-Dateien zur Verfügung:

Fotogalerie

Screenshot PicDrop
Gesammelte Eindrücke von der 6. Tagung "Digitale Medien - analoge Wirklichkeiten" in Berlin. Foto: Screenshot

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Bildnachweis: Simone Baar © Charité