"Wir beobachten, dass die Vorstellung von Digitalisierungskompetenz hochgradig diffus ist."

Tarek Lababidi

Wie können die Akteure der beruflichen Bildung in Sachen Digitalisierung voneinander lernen? Das Projekt "vierpunkteins" hat als Antwort auf diese Frage regionale Netzwerke geschaffen, in denen der Wissensaustausch zu den Möglichkeiten digitalen Lernens gefördert wird. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de stellt Projektleiter Tarek Lababidi das Verbundvorhaben vor.

Im Rahmen des Programms "Digitale Medien in der beruflichen Bildung", will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Förderschwerpunkt "DigiNet" den Wissens- und Technologietransfer zu den Themen "Digitales Lernen" und "Qualifizieren für die digitale Arbeitswelt" - zwischen den Akteuren der beruflichen Bildung – fördern und systematisieren. Ziel ist eine stärkere Vernetzung und Verbreitung digitaler Lerninfrastrukturen, wodurch Kompetenz- und Organisationsentwicklungsprozesse angestoßen sowie letztlich die strukturellen Grundlagen für die nachhaltige Implementierung digitalen Lernens in der beruflichen Bildung geschaffen werden sollen.

Das Projekt "vierpunkteins" ist Teil des Förderschwerpunkts "DigiNet" und unterstützt insbesondere Betriebe der Wertschöpfungskette Bau beim branchen- und zielgruppenspezifischen Einsatz digital gestützter Bildungsformate. Im Mittelpunkt stehen dabei drei regionale Netzwerke zum Lernen in der Aus- und Weiterbildung, die sich sowohl an kleine und mittlere Unternehmen (KMU), überbetriebliche Ausbildungszentren (ÜAZ) als auch an Berufsschulen richten. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de stellt Tarek Lababidi, Leiter des Projekts vom Institut für Modelle beruflicher und sozialer Entwicklung (IMBSE GmbH), die Arbeit des im Oktober 2017 gestarteten Verbundvorhabens vor und diskutiert bereits gewonnene Forschungserkenntnisse.

qualifizierungdigital.de: Herr Lababidi, wie trägt das Projekt vierpunkteins dazu bei, dass die digitale Kompetenz in der beruflichen Aus- und Weiterbildung gefördert wird?

Lababidi: Vierpunkteins unterstützt die Entwicklung von Digitalisierungskompetenz überwiegend durch Fortbildungen sowie ebenfalls in Form von Beratung und Erfahrungsaustausch. Die Fortbildungsinhalte passen sich an die regionalen Bedarfe und Besonderheiten an. Den KMU liegt viel daran, als Arbeitgeber attraktiv zu sein und junge Menschen zu erreichen. Wie das gelingen kann und welche digitalen Möglichkeiten hierbei hilfreich sind, ist beispielsweise ein Thema von vierpunkteins. Wenn sich ein Handwerksunternehmen bereits besonders hervortut und innovativ arbeitet, etwa durch den Einsatz neuer Apps oder durch digitale Kundenkommunikation, so geben wir diesem Beispiel eine Bühne. So lernen Betriebe voneinander.

Was genau passiert in den drei regionalen Netzwerken, die durch vierpunkteins geschaffen wurden?

Die drei Regionalcluster sind geografisch in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin Brandenburg und Nordrhein-Westfalen verortet und verfügen über sehr gute Zugänge zur Aus- und Weiterbildung. Der Unternehmerverband MV in Schwerin vertritt die Interessen vieler kleinerer Betriebe, die sich flächenmäßig recht weit verteilen. In Berlin ist der Lehrbauhof als Berufsförderungswerk der Baugenossenschaft der Dreh- und Angelpunkt für die außerbetrieblichen Lernaktivitäten in der Region. In Duisburg ist das Bildungszentrum Handwerk Teil der Kreishandwerkerschaft und ebenfalls ein überbetriebliches Ausbildungszentrum. Die drei Regionalpartner entwickeln und testen Pilotfortbildungen. Daneben knüpfen sie Kontakte mit den verschiedenen Akteuren der beruflichen Bildung, organisieren Workshops und besuchen die Betriebe.

 

"Zunächst sollte klar sein, dass digitale Medien nicht die Fach- und Sozialkompetenz ersetzen. Sie sind aber an vielen Stellen tolle Helfer."

 

Welche Vorteile bieten digitale Medien im Bereich Bauwirtschaft überhaupt?

Zunächst sollte klar sein, dass digitale Medien nicht die Fach- und Sozialkompetenz ersetzen. Sie sind aber an vielen Stellen tolle Helfer. Wärmebildaufnahmen mit Hilfe von Drohnen, Messungen an Geräten, Videokonferenzsysteme über das Smartphone bei Außeneinsätzen, der Erwerb von berufsbezogener Fachsprache durch eine App, die Bild, Ton und Sprache verknüpft, die Nutzung von Video- und Audioformaten im Allgemeinen - die Liste der Pluspunkte könnte man beliebig fortsetzen. Digitale Berichtsheftformate tragen dazu bei, dass die Lernfortschritte besser dokumentiert werden können und dass die Partner der Lernortkooperation, Berufsschule und Betrieb, zielgerichteter miteinander kommunizieren können. Auch in der Landwirtschaft und in anderen Branchen sind digitale Medien ein Thema. Eine ganz besondere Chance bieten digitale Medien für die betriebliche Organisationsentwicklung, nämlich durch die Möglichkeit, dass Jung und Alt in neuen Lernsituationen zusammenkommen und der Expertenstatus nicht klar vergeben ist. Bei der Verantwortungsübernahme und kollegialer Kooperation werden die Karten ganz neu gemischt.

Das Projekt ist mit einer Bestandsaufnahme hinsichtlich der tatsächlichen Digitalisierungsbedarfe in der Aus- und Weiterbildungspraxis gestartet. Welche Erkenntnisse konnten dabei gewonnen werden, insbesondere im Hinblick auf die Anerkennung der Notwendigkeit, Lernmethoden in Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen zu verändern?

Wir hatten zunächst 75 Einzelinterviews durchgeführt, um auch die Gefühlslage der Unternehmen, ÜAZ und Berufsschulen aufzunehmen. Insgesamt erkennen alle die Notwendigkeit, sich digital weiterzuentwickeln und sind bereit, in die Fortbildungen der Mitarbeitenden zu investieren. Andererseits beobachten wir, dass die Vorstellung von Digitalisierungskompetenz hochgradig diffus ist und die tatsächlichen Kenntnisbereiche begrifflich noch gar nicht eingeordnet werden können.
So gaben viele Interviewpartnerinnen und -partner recht allgemein an, die Mitarbeitenden müssten ihre EDV-Kenntnisse verbessern. Man darf sagen, die Betriebe sind irgendwo zwischen Angst und Pioniergeist. Die Kundenkommunikation ist bei den meisten Unternehmen längst digitalisiert. Allerdings ist Digitalisierung Chefsache. Vor allem beim Ausbildungsmarketing und der Ansprache in sozialen Medien - aber auch analog - sollten jüngere Beschäftigte und die Auszubildenden direkt miteinbezogen werden.

 

"Wer digital nicht existiert, wird von jungen Menschen nicht wahrgenommen."

 

Auf welche Vorbehalte stoßen Sie, wenn es um den Einsatz digitaler Medien in Aus- und Weiterbildung geht?

Ein Vorbehalt liegt darin, dass digitale Medien dazu beitragen, dass die technisch-motorische Lösungsfähigkeit und vielleicht die Ausdauer in einer Problemsituation nachlässt. Dieser Aspekt wird immer wieder ganz gut begründet. Ältere Beschäftigte sind nicht per se digitalisierungsfern und die Jüngeren sind nicht per se digital natives. Jedoch ist die Neugierde bei Jüngeren stärker ausgeprägt, während ältere Semester erkennbar größere Widerstände beim Lernen zeigen.

Welchen Stellenwert würden Sie dem Einsatz digitaler Medien beim Thema Nachwuchsgewinnung für Ausbildungsbetriebe beimessen?

Wer digital nicht existiert, wird von jungen Menschen nicht wahrgenommen. Das Internet ist zu einem Ort der Bewertung und der Außendarstellung geworden. Ausbildungsbetriebe haben große Sorgen, junge Leute für sich zu gewinnen. Insofern sollten sie mit Hilfe von jungen Menschen ihre Digitalisierungsstrategie in die Hand nehmen und sich zeigen. Auf der anderen Seite wissen wir, dass sich ein gutes Betriebsklima auch schnell herumspricht, bei Kunden und in der Nachbarschaft. Die beste Visitenkarte ist das Personal. Somit bietet der persönliche Kontakt in meinen Augen die wertvollste Chance, um das Interesse von Jüngeren zu wecken. Aber beide Wege schließen einander nicht aus. Digitale Kampagnen sollten authentisch bleiben, denn Jugendliche haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn sich Erwachsene ihnen mit aufgesetzter Jugendsprache anbiedern.

In welcher Phase befindet sich das Projekt derzeit und was ist für die Zukunft geplant?

Bald ist Halbzeit, wir haben in den drei Regionen Pilotkonzepte entwickelt und ausprobiert. Inzwischen gibt es zahlreiche Kontakte und Anfragen für eine Zusammenarbeit. Darüber sind wir sehr glücklich, denn es war anfangs ein hartes Stück Arbeit, die Netzwerke aufzubauen. Aktuell sind wir gut ausgebucht mit Schulungen und Workshops. Parallel finden Anpassungen statt und für die Zukunft sind neue Formate geplant. Die Transferaktivitäten auch über die Wertschöpfungskette Bau hinaus, sind im vollen Gange. So erreichen uns zum Beispiel Anfragen zu DAVIT-Schulungen aus dem Gartenbau und dem Einzelhandel. Eine zweite bundesweite Lernstatt ist für das letzte Projektjahr geplant.

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