"Offene Bildungsmaterialien sollten Standard werden und keine Randerscheinung mehr sein"

Ein englischsprachiges "We're open"-Schild

Lehr- und Lernmaterialien kostenlos teilen und mitgestalten. Dank der Digitalisierung liegen OER im Trend. Im Gespräch mit qualifizierungdigital.de zeigen die Experten Susanne Grimm und Luca Mollenhauer die Potenziale frei verfügbarer, digitaler Bildungsmaterialien auf.

Die Digitalisierung birgt das Potenzial, das Lehren und Lernen auf zahlreichen Ebenen nachhaltig zu verbessern. In diesem Zusammenhang fällt regelmäßig der Begriff OER, der für "Open Educational Resources" steht. Über die Rolle, die OER im Bildungsbereich im Allgemeinen und im Bereich beruflicher Bildung im Speziellen spielen kann, hat sich qualifizierungdigital.de mit Susanne Grimm (Transferbereich Berufsbildung am Bundesinstitut für Berufsbildung) und Luca Mollenhauer (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung) unterhalten.

qualifizierungdigital.de: Open Educational Resources – kurz OER – sind in aller Munde. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Das Logo des Web-Portals OERinfo
Das Web-Portal OERinfo ist vor kurzem fertiggestellt worden und erste Anlaufstelle zum Thema OER. Grafik: CCO

Grimm: Im deutschsprachigen Raum spricht man von offenen Bildungsmaterialien. Darunter versteht man Lehr- und Lernmaterialien, die - meist in digitaler Form - jedem kostenlos zur Verfügung stehen und aufgrund ihrer offenen Lizenzierung, verwendet, angepasst und weiterverbreitet werden dürfen. Zu diesem Zweck haben sich die Jedermann-Lizenzen der Creative Commons durchgesetzt.

Welche Bedeutung haben offene Bildungsmaterialien im Lehr- bzw. Lernkontext bereits erlangt?

Mollenhauer: Insbesondere im Schulbereich gibt es eine Reihe von OER-Plattformen, die erfolgreich sind. So bieten etwa die Plattformen segu für Geschichte und Serlo mit einem MINT-Schwerpunkt zahlreiche Lehr- und Lernmaterialien an, die von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften genutzt werden können. Ein anderes Beispiel ist das Projekt edutags. Dabei handelt es sich um ein Social Bookmarking Tool, mit dem Lehrkräfte und Lernende Lesezeichen zu sämtlichen Ressourcen im Netz speichern, sortieren und in Listen packen können. Sie können Ressourcen bewerten, beschreiben und mit ihren eigenen Begrifflichkeiten durch sogenannte Tags versehen und kommentieren. So lädt edutags Lernende und Lehrende ein, vernetzte Strukturen im Feld des Wissensmanagements mitzugestalten und infrastrukturelle Rahmen zu schaffen - auch damit sich OER entwickeln können. Das Projekt edutags will die Lehrer und Ressourcen vernetzen und ihnen ein Werkzeug in die Hand geben, um Materialien schneller finden und kategorisieren zu können.

"OER werden auch in der Berufsbildung große Potenziale zugesprochen"

Welche Rolle können OER im dualen Berufsbildungssystem spielen? Welche Angebote gibt es hier bereits?

Susanne Grimm im Portrait
Susanne Grimm, Transferbereich Berufsbildung am Bundesinstitut für Berufsbildung. Foto: © BIBB

Grimm: OER werden auch in der Berufsbildung große Potenziale zugesprochen. Angefangen bei methodisch-didaktischen Ansätzen, beispielsweise bezüglich standardisierter als auch sich schnell weiterentwickelnder Lerninhalte, bis hin zur Unterstützung individueller Lehr-Lern-Prozesse. OER können einen positiven Einfluss auf Bildungsteilhabe und die Durchlässigkeit des Bildungssystems haben. Auch eine - gegebenenfalls bereits institutionalisierte Lernortkooperation - könnten OER unterstützen. Durch OER können Materialien in unterschiedlichen Lernzusammenhängen verwendet und dadurch der Praxisbezug an Berufsschulen erhöht werden. Beispiele zu OER im Berufsbildungsbereich sind das Pflegewiki für den Bereich der Gesundheitsberufe, das Hortipendium im Bereich der Land- und Forstwirtschaft zu finden und für den Bereich Druck und Medien die Mediencommunity und CODE.

Welche Hürden müssen noch genommen werden, ehe OER stärker in den Alltag beruflicher Aus- und Weiterbildung integriert werden können?

Grimm: Das Wissen um offene Lizenzen gilt immer noch als Fachwissen. Die Sorge um Urheberrechtsverletzungen und entsprechende Abmahnungen auf Seiten der Lehrenden und der kommerziellen Ausbeutung auf Seiten der Betriebe ist groß. Daneben muss die Problematik der Auffindbarkeit auf einen positiven Kosten-Nutzen-Faktor hin weiter erörtert werden. Aber auch das Fehlen zeitlicher und finanzieller Ressourcen, nötig für die Erstellung digitaler Medien, muss angegangen werden. Auch bedarf es entsprechender Methoden und nötiger Strukturen der Qualitätssicherung auf Seiten der Lehrenden und Ausbildenden sowie der Qualitätsbeurteilung auf Seiten der Auszubildenden und Schüler.

"Nicht das Urheberrecht wird abgegeben, sondern das Recht zur Nutzung der Materialien eingeräumt"

Stellen OER eine Gefahr für Urheber- und Persönlichkeitsrechte dar?

Grimm: Offene Lizenzen bauen auf dem Urheberrecht auf. Nicht das Urheberrecht wird abgegeben, sondern das Recht zur Nutzung der Materialien eingeräumt. Welche Nutzungsrechte der Urheber auf eine jeweilige Ressource vergeben möchte bleibt allein ihm selbst überlassen. Persönlichkeitsrechte wie etwa das Recht am eigenen Bild oder Audioaufnahmen der eigenen Stimme werden von freien Lizenzen nicht berührt. Das sehr restriktive Urheberrecht passt heute nur noch sehr begrenzt zu den Möglichkeiten der Verarbeitung und Verbreitung digitaler Medien. Hier sind freie Lizenzen eine rechtssichere Alternative, um Materialien gemeinschaftlich erstellen, anpassen und verbreiten zu können.

Skizzieren Sie, welche Rolle OER in zehn, 15 Jahren spielen könnten?

Luca Mollenhauer im Portrait
Luca Mollenhauer, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Foto: © DIPF

Mollenhauer: Die Frage nach der Notwendigkeit von Open Education sollte sich dann nicht mehr stellen. Wir sollten uns nicht mehr mit dem ob sondern mit dem wie beschäftigen können. Vielleicht entwickeln Verlage Geschäftsmodelle zu OER, ähnlich wie bei Open Access und die Erstellung von frei lizenzierten Materialien wird stärker gefördert. Offene Bildungsmaterialien sollten Standard werden und keine Randerscheinung mehr sein.

Welches Angebot stellt das Web-Portal der Informationsstelle Open Educational Resources – kurz OERinfo – bereit?

Mollenhauer: Das als zentrales Web-Portal konzipierte Angebot von OERinfo bündelt das Wissen zu offenen Bildungsmaterialien und erleichtert so den Zugang für die breite Öffentlichkeit sowie Fach-Öffentlichkeit. Bildungsbereichsübergreifend sowie -spezifisch können Nutzer bereits jetzt unter anderem Informationen zum aktuellen Kenntnisstand und Beispiele Guter Praxis abrufen. Daneben soll auch die Vielfalt an weiteren Initiativen, etwa über die OER World Map, dargestellt und Praktikern der Austausch über den Veranstaltungskalender ermöglicht werden. Das Angebot von OERinfo wird kontinuierlich ausgebaut und Dossiers zu verschiedenen Themen erweitern den Bestand des Portals fortlaufend.

Bildnachweis: Thinkstock (Francesco Corticchia)